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Jugendstudie 2009

6. Juli 2009 - Es gilt das gesprochene Wort

Prof. Dr. Manfred Weber
Geschäftsführender Vorstand des Bundesverbandes deutscher Banken



Pressekonferenz anlässlich der Vorstellung der Jugendstudie 2009 in Berlin



Meine Damen und Herren,

interessieren sich Jugendliche für Wirtschaft? Wie wirkt sich die Finanzkrise auf die junge Generation aus? Was halten junge Menschen – in dieser Zeit – von Banken und Bankern? Das sind meiner Meinung nach wichtige Fragen. Deshalb freue ich mich, Ihnen heute unsere Jugendstudie 2009 präsentieren zu können, die die Antworten darauf gibt. Nach den Jugendstudien 2003 und 2006 ist es die dritte Untersuchung dieser Art. Sie ist immer noch die einzige in Deutschland, die das Thema Wirtschaft und die verschiedenen Aspekte der Finanzkultur bei Jugendlichen systematisch untersucht.

Das Mannheimer ipos-Institut hat für uns die Daten erhoben. Nach welcher Methodik, das können Sie in der demo/skopie-Ausgabe nachlesen. Diese finden Sie in Ihren Unterlagen.



Meine Damen und Herren,

nur wer versteht, wie Wirtschaft funktioniert, kann sein Leben wirklich eigenverantwortlich gestalten. Dies ist in Deutschland heute weitgehend Konsens. Aber das war nicht immer so. Als sich der Bankenverband vor gut 20 Jahren dem Thema „ökonomische Bildung“ zuwandte, stand er mit seiner Forderung nach „mehr Wirtschaft“ in der Schule so gut wie alleine da. Das hat sich geändert, und das freut uns.

Allerdings dürfen wir uns nicht zurücklehnen. Das Thema ist mittlerweile zwar stärker ins Bewusstsein der Politik gerückt, konkrete Fortschritte gibt es bisher aber leider noch viel zu wenige.

Damit zu den Ergebnissen unserer Jugendstudie.
Ich möchte sie in sieben Thesen zusammenfassen.

These 1:

Jugendliche und junge Erwachsene trotzen der Krise.
Sie zeigen sich mit ihren persönlichen Lebensumständen überwiegend zufrieden und mit Blick auf die Zukunft optimistisch. Von der Finanz- und Wirtschaftskrise fühlen sie sich bislang kaum betroffen.

Entgegen mancher Vorurteile ist in der jüngeren Generation von Pessimismus oder Frustration wenig zu spüren. Im Gegenteil: Neun von zehn Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind mit ihrem Leben weitgehend zufrieden, und fast ebenso viele sehen optimistisch in die Zukunft.

In ihrem Optimismus lassen sich die jungen Befragten offenkundig auch durch die Finanz- und Wirtschaftskrise nicht beeinträchtigen: Trotz der gegenwärtig scharfen Rezession schätzen sechs von zehn der 14- bis 24-Jährigen ihre beruflichen Aussichten als „gut“, weitere drei von zehn sogar als „sehr gut“ ein.

Ebenfalls überraschend: Die jungen Leute beurteilen ihre finanzielle Situation und die ihrer Eltern kaum anders als vor der Krise.
Dies heißt aber nicht, dass sie die Augen vor der Krise verschließen. Im Gegenteil: Die Krise – das sagen zwei Drittel der Jugendlichen – ist in ihrem Umfeld häufig Thema, vor allem in der Schule bzw. am Ausbildungsplatz (46 %) und in der eigenen Familie (32 %).



Damit zu These 2:

Immer mehr Jugendliche wollen in der Schule lernen, wie die Wirtschaft funktioniert, und sie fordern ein Schulfach Wirtschaft.
Die meisten Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben Interesse an wirtschaftlichen Themen und sehen Informationen über ökonomische Zusammenhänge als wichtig an.

Auch wenn das Interesse der Jugendlichen erwartungsgemäß nicht ganz so groß ist wie das der Erwachsenen, so zeigen doch rund drei Viertel der Befragten Interesse an Wirtschaft: Vier von zehn (40 %) sind zumindest „etwas“, ein weiteres Drittel sogar „stark“ (25 %) oder „sehr stark“ (8 %) interessiert.

Als wichtig schätzen die Jugendlichen und jungen Erwachsenen Informationen über wirtschaftliche Zusammenhänge ein. Für sieben von zehn der 14- bis 24-Jährigen (70 %) sind solche Informationen „wichtig“ (59 %) oder „sehr wichtig“ (11 %). Die Jugendlichen wollen sehr wohl wissen, wie Wirtschaft funktioniert.

Wo aber sollen diese Informationen vermittelt werden? Immer mehr Jugendliche meinen: in der Schule. Nach 55 % vor sechs Jahren und 63 % vor drei Jahren erwarten aktuell 70 % der jungen Leute Informationen zu Wirtschaftsthemen in der Schule.

Rund acht von zehn Befragten – sowohl unter den Jüngeren als auch unter den Älteren – sprechen sich dafür aus, der Vermittlung wirtschaftlicher Zusammenhänge in den Schulen einen höheren Stellenwert einzuräumen.

Eine fast ebenso hohe Zustimmung hat ein eigenständiges Schulfach Wirtschaft. Wie schon in den beiden Vorgängerstudien plädieren nahezu acht von zehn Befragten für ein solches Fach. Ich halte das für ein sehr überzeugendes und – ehrlich gesagt – bemerkenswertes Ergebnis. Es zeigt uns, dass die Jugend ökonomische Bildung als grundlegendes Rüstzeug für ihre Zukunft einschätzt.

Der Bankenverband fordert seit langem ein Schulfach Wirtschaft. Das eindeutige Votum der Befragten bestärkt uns darin, uns weiterhin für ein eigenständiges Schulfach Wirtschaft einzusetzen.

Sicher: Das Thema „Wirtschaft in der Schule“ ist in den vergangenen Jahren auf der Agenda der Bildungspolitiker weiter nach oben gerückt. Trotzdem: Ein eigenständiges Schulfach Wirtschaft gibt es nicht. Oft wird Wirtschaftswissen in anderen Fächern mit unterrichtet. Aber das ist viel zu wenig. Wirtschaft muss man genauso wie Mathematik oder Englisch systematisch lernen, nicht nur nebenbei. An einem eigenen Unterrichtsfach führt daher kein Weg vorbei.

Fundierte ökonomische Bildung braucht verbindliche Lehrpläne und feste Stundenzahlen im Fächerkanon. Der Wirtschaftsunterricht muss möglichst früh beginnen und sich bis zum Ende der Schullaufbahn durchziehen. Dazu brauchen wir natürlich auch engagierte und fachkundige Lehrerinnen und Lehrer. Diese müssen an den Universitäten im Fach Wirtschaft ausgebildet werden. Sie werden sich jetzt fragen: Wie kann dies alles gelingen? Auch dazu haben wir im vergangenen Jahr einen konkreten Vorschlag unterbreitet. Das „Curriculum zur Ökonomischen Bildung“ haben wir Ihnen ausgelegt.



Meine Damen und Herren,

mehr über ökonomische Zusammenhänge zu erfahren, ist wichtig. Denn, und damit komme ich zu meiner dritten These:

Das Einmaleins der Marktwirtschaft ist kaum bekannt.
Es gibt zum Teil erhebliche Lücken im Wirtschaftswissen der Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Viele haben schon bei grundlegenden wirtschaftlichen Sachverhalten deutliche Verständnisschwierigkeiten.

Vier von zehn jungen Befragten können mit dem Begriff Soziale Marktwirtschaft „nichts Bestimmtes“ verbinden. Das ist eine ganze Menge, auch wenn es vor drei Jahren noch sechs Prozentpunkte mehr waren. Ein gewisser Trost ist auch: Von jenen, die mit dem Begriff „Sozialer Marktwirtschaft“ etwas anfangen können, assoziieren die meisten damit etwas Positives. Dennoch sollte es uns nachdenklich stimmen, dass so viele von unserer Wirtschaftsordnung keine konkrete Vorstellung haben.

Mehr als die Hälfte der Jugendlichen (54 %) kann auch nicht erklären, was eine „Inflationsrate“ ist. Und wie hoch ist die Inflationsrate derzeit in Deutschland? Bei dieser Frage mussten 94 % der Befragten passen.

Ein weiteres Beispiel: Nur rund die Hälfte (53 %) der jungen Befragten kann annähernd richtig umschreiben, was das wirtschaftliche Grundprinzip von „Angebot und Nachfrage“ bedeutet. Allerdings: 2006 waren es nur 35 %, so dass bei diesem Beispiel zumindest eine deutliche Verbesserung zu erkennen ist. Insgesamt müssen wir jedoch feststellen, dass bei der ökonomischen Bildung noch vieles im Argen liegt.



Meine Damen und Herren,

wie bei der Wirtschaftsbildung im Allgemeinen ist es auch speziell bei der Finanzbildung ganz wichtig, dass Jugendliche das nötige Rüstzeug an die Hand bekommen, um sich als mündige Wirtschaftsbürger in unserer Gesellschaft zurechtzufinden.
Die privaten Banken und der Bankenverband setzen sich dafür seit vielen Jahren ein. Unser breites Angebot zu Schule und Wirtschaft, unser „Schul/Bank“-Programm haben wir Ihnen ausgelegt. Die Ergebnisse unserer Studie bestätigen uns in diesen Aktivitäten – denn junge Menschen wollen mehr über Wirtschaft wissen und dies ist auch notwendig.

Damit komme ich zur vierten These:

Jugendliche kümmern sich gern um ihr Geld, kennen sich in Finanzdingen aber nur unzureichend aus.

Jugendliche und junge Erwachsene kümmern sich genauso gern um ihre eigenen Geldangelegenheiten wie die Erwachsenen insgesamt. Rund zwei Drittel der Befragten verbinden mit der Regelung ihrer „Geldgeschäfte“ eher Spaß als etwa eine Belastung.
Dennoch findet Finanzplanung bei jungen Leuten nur sporadisch statt: Weniger als vier von zehn Jugendlichen und jungen Erwachsenen (37 %) beschäftigen sich tatsächlich regelmäßig mit der Planung ihrer Ausgaben und Einnahmen oder mit der Festlegung von Sparzielen.

Auch ist das Finanzwissen in der jungen Generation eher gering: Fast jeder zweite Jugendliche oder junge Erwachsene räumt ein, dass er sich in Geld- und Finanzfragen kaum oder gar nicht auskennt.

Sechs von zehn bekennen zudem, dass sie keine oder zumindest wenig Ahnung davon haben, was an der Börse geschieht.

Aus solchen Wissensdefiziten auf mangelndes Interesse zu schließen wäre aber falsch. Trotz – oder gerade wegen – ihrer geringen Finanzkenntnisse wollen die Befragten mehr Informationen bekommen: Acht von zehn Jugendlichen und jungen Erwachsenen sehen solche Informationen als „wichtig“ (61 %) oder „sehr wichtig“ (20 %) an. Insgesamt waren es aktuell noch einmal fünf Prozentpunkte mehr als 2006.

Offensichtlich fehlt vielen aber der Anlass oder die Gelegenheit, sich intensiver mit der Materie zu befassen. Die Jugendlichen zu motivieren, sich stärker mit Finanzfragen auseinanderzusetzen, bleibt daher eine wichtige Aufgabe – nicht zuletzt für die Banken. Von ihnen erwartet die junge Generation nach wie vor am häufigsten Informationen rund ums Geld. Aber vor allem würde und muss – ich betone es noch einmal – ein Schulfach Wirtschaft für die Finanzgrundbildung der jungen Leuten einen wichtigen Beitrag leisten.

Ich komme zu meiner fünften These:

Auch Jugendliche sind oft schon Sparfüchse.
Die Deutschen bleiben in der gegenwärtigen Wirtschaftskrise ihrem Ruf als „Sparweltmeister“ treu. Das gilt auch für die Jugendlichen; immer mehr von ihnen sparen regelmäßig.

Bei den jungen Befragten sind es 56 %, bei allen Erwachsenen 61 %, die regelmäßig einen bestimmten Geldbetrag ansparen.

Auch mit Blick auf die Sparmentalität fallen die Abweichungen zwischen den Generationen längst nicht so gewaltig aus, wie man vermuten könnte: Während acht von zehn Erwachsenen von sich sagen, sie legten „viel“ oder „sehr viel“ Wert auf Sparsamkeit, sind es bei den 14- bis 24-Jährigen mit sieben von zehn nicht wesentlich weniger. Von einem großen Generationenunterschied in der Sparkultur kann daher kaum gesprochen werden.

Jugendliche sind selten überschuldet.
Wenn sie sich Geld leihen, dann meist bei Eltern, Freunden oder Verwandten. Und dabei geht es meist nicht um größere Beträge.

Fast alle Befragten gehen wie selbstverständlich davon aus, dass „viele Menschen in Deutschland mehr Schulden machen, als sie zurückzahlen können“. Doch die Rückfrage ergibt ein anderes Bild: 8 % der 14- bis 24-Jährigen (15 % aller Erwachsenen) sagen, dass sie schon einmal selbst Schwierigkeiten hatten, ihre Schulden zurückzuzahlen.

Auch das klingt zunächst viel, doch geht es hier oft nicht um sehr große Geldsummen: Nach Angaben der Betroffenen (8 %) lag die jeweilige Schuldenhöhe in sechs von zehn Fällen (59 %) unter dem Betrag von 1.000 €. Bei Minderjährigen traf das sogar auf 91 % der Fälle zu.

Die meisten Jugendlichen und jungen Erwachsenen hatten ihre Schulden zudem bei Eltern, Freunden oder Bekannten gemacht. Nur in weniger als einem Fünftel der Fälle ist ein Bankkredit bei einer als finanziell kritisch eingeschätzten Lage beteiligt gewesen.
Dies betrifft aber generell nur die jungen Erwachsenen (18 bis 24 Jahre), nicht die Jüngeren, weil Minderjährige nur mit Zustimmung ihrer Eltern und dem Vormundschaftsgericht einen Bankkredit in Anspruch nehmen können.

Insgesamt hat sich die Verschuldungssituation der 14- bis 24-Jährigen in den vergangenen Jahren entspannt: 2003 hatten 14 %, 2006 dann 9 % der jungen Leute angegeben, schon einmal in finanziellen Schwierigkeiten gewesen zu sein; aktuell sind es, wie gesagt, 8 %.

Trotzdem: Jeder einzelne Fall ist einer zu viel. Daher muss alles, was hier zur Vorbeugung beiträgt, unbedingt getan werden. Das Problem muss vor allem dort angegangen werden, wo es tatsächlich entsteht. Und das heißt, dafür zu sorgen, dass junge Menschen möglichst frühzeitig an einen verantwortungsvollen Umgang mit Geld herangeführt werden. Bereits Kinder und Jugendliche im Elternhaus, aber auch in der Schule, auf ihre Rolle als mündige und verantwortungsvolle Verbraucher vorzubereiten, darin sehen wir in der Tat eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe, an der wir uns auch nach Kräften beteiligen.


Meine Damen und Herren,

gerade für uns ist noch eine andere Frage von Bedeutung. Was halten Jugendliche von Banken? Dazu meine siebte und letzte These:

Das Image der Banker ist nicht so schlecht wie man vermuten würde.
Die Finanzmarktkrise hat zwar auch in den Einstellungen der jungen Generation gegenüber den Banken Spuren hinterlassen, dennoch haben die jungen Kunden eine gute Meinung von den Banken.

Obwohl hier ein leichter Rückgang zu verzeichnen ist (minus sechs Prozentpunkte gegenüber 2006): Sieben von zehn der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland haben von Banken nach wie vor eine „gute“ (66 %) oder „sehr gute“ (6 %) Meinung. Trotz unbestreitbarer Fehler, die auch Kreditinstitute verantworten müssen, und die zum Ausbruch der Finanzkrise beigetragen haben, bleibt damit die große Mehrheit der jungen Leute gegenüber Banken positiv eingestellt.

Von den vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die bereits ein Bankkonto haben, sind die allermeisten auch mit den Leistungen ihrer Bank „zufrieden“ (54 %) oder sogar „sehr zufrieden“ (32 %).

Wer jetzt aber noch einen weiteren Beleg dafür braucht, dass Banken bei jungen Leuten ein gutes „Standing“ haben, hier ist er: Drei Viertel der Jugendlichen und jungen Erwachsenen sehen die Entscheidung für einen Bankberuf nach wie vor als eine gute Berufswahl an.



Meine Damen und Herren,

ich möchte ganz kurz zusammenfassen:

1. Die heutige Jugend trotzt der Krise. Sie blickt optimistisch in die Zukunft. Sie sieht sich selbst bislang von der Finanz- und Wirtschaftskrise kaum betroffen.

2. Die Jugend will wissen, wie die Wirtschaft tickt: Mehr ökonomische Bildung wird von den Befragten nicht nur gewünscht, sondern ist auch dringend erforderlich: Trotz einiger Verbesserungen sind Wirtschaftswissen und Finanzbildung noch nicht zufriedenstellend. Wir brauchen ein Schulfach Wirtschaft und zwar flächendeckend. Die Politik sollte hier konsequent handeln, in jedem Bundesland.

3. Das positive Bild, das die jungen Leute von den Banken haben, sehen wir als Verpflichtung und Ansporn, dem Vertrauen, das darin zum Ausdruck kommt, gerecht zu werden. Dort, wo Banken in der Vergangenheit Fehler begangen haben, sind diese – wenn nicht bereits geschehen – zu korrigieren.



Meine Damen und Herren,

selbstverständlich werden wir als Bankenverband mit unseren langfristigen Projekten und Kooperationen im Bereich ökonomische Bildung weiterhin unseren Teil zur Verbesserung der ökonomischen Bildung beitragen.


Komplette Jugendstudie als Download

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