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Newsletter 09/2005

Globalisierung und Zukunftsfähigkeit

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts zeichnet sich das Weltwirtschaftssystem durch mannigfache Entwicklungen aus, die meist unter dem Schlagwort der Globalisierung zusammengefasst werden. Die Globalisierung an sich ist kein neues Phänomen, beschreibt sie doch in erster Linie eine wachsende Internationalisierung und Verflechtung der Märkte, die bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts beobachtet werden konnte und in den fünfziger Jahren wieder an Schwung gewann. In den letzten zehn, fünfzehn Jahren allerdings hat dieser Prozess eine vorher ungekannte Dynamik erfahren. Ausschlaggebend für die sprunghafte Zunahme grenzüberschreitender Finanztransaktionen, die wachsende Bedeutung transnationaler Konzerne und eine nochmalige Zunahme des Außenhandels mit Gütern und Dienstleistungen waren u.a. die rasante Entwicklung im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie sowie die weltweit zu beobachtende zunehmende Liberalisierung und Deregulierung von Volkswirtschaften, die sich auf diese Weise in die internationale Arbeitsteilung integrieren konnten.

Bedenken gegenüber den Folgen dieser Entwicklung gibt es viele, und sie erscheinen auf dem ersten Blick auch verständlich. In einem bisher ungekannten Ausmaßsind Kapital und auch Arbeit mobiler geworden; Wertschöpfungsketten, die früher in einem Land angesiedelt waren, sind heute über den gesamten Globus verteilt. In Deutschland hat die Globalisierung nicht nur ganze Branchen wie die Textilwirtschaft oder Teile der Elektronikbranche in den wirtschaftlichen Niedergang getrieben, sondern auch in Erfolgssektoren wie dem Automobilbau oder der Chemieindustrie zu Auslagerungen von Produktionsstätten ins billigere Ausland geführt. Staaten als Investitionsstandorte sind einer verschärften internationalen Konkurrenz ausgesetzt, wodurch die Notwendigkeit einer umfassenden Reform des Sozialstaats in vielen Ländern dringender denn je geworden ist.

Was bedeutet all dies für die deutsche Volkswirtschaft, für unser Wirtschaftssystem und damit für die Soziale Marktwirtschaft als Ordnungsmodell? Sind deutsche Unternehmen gerüstet, es mit der neuen (und billigeren) Konkurrenz etwa aus Asien oder Mittel- und Osteuropa aufzunehmen? Legen die hohe Arbeitslosenquote und die wachsende Staatsverschuldung, Unternehmenskonkurse und –abwanderungen, die Krise der sozialen Sicherungssysteme sowie das stagnierende Wirtschaftswachstum nicht den Gedanken nahe, dass Deutschland im Wettlauf mit anderen Nationen (zwangsläufig) ins Hintertreffen gerät und die Soziale Marktwirtschaft ein möglicherweise stark renovierungsbedürftiges, wenn nicht überholtes Wirtschaftskonzept darstellt?

Der unbestreitbare Reformbedarf in vielen Bereichen der Wirtschafts- und Sozialpolitik darf gerade nicht als Abkehr vom System der Sozialen Marktwirtschaft missverstanden werden. Diese hat sich in den letzten Jahrzehnten bewährt, solange sie ihren eigenen Prinzipien gehorchte und Eigeninitiative wie auch Risikobereitschaft des Einzelnen förderte, statt sie durch administrative Fesseln zu blockieren und durch soziale Wohltaten zu umnebeln. Die Probleme, mit denen unser Sozialstaat und unsere Volkswirtschaft gegenwärtig konfrontiert werden, wurden durch die Globalisierung nicht hervorgerufen, sondern nur sichtbarer gemacht. Falsche politische Weichenstellungen und fehlende Anpassungsbereitschaft werden durch den globalen Konkurrenzkampf schneller und stärker bestraft als noch vor zwanzig Jahren. Sollen die ökonomischen Grundlagen der sozialstaatlichen Umverteilung nicht gefährdet werden, sind umfangreiche Korrekturen notwendig. Daher gehören verschiedene sozialpolitische Errungenschaften, die die Kostenbelastung für die Unternehmen in die Höhe getrieben haben, auf den Prüfstand.

Furcht vor der Globalisierung und ihren Konsequenzen ist aber unangebracht. Gerade das rohstoffarme Deutschland hat in der Vergangenheit von der Internationalisierung der Wirtschaft in hohem Maße profitiert. Deutsche Unternehmen haben sich als wettbewerbsstark erwiesen und Deutschland im letzten Jahr erneut zum Exportweltmeister (im Warenhandel) gemacht. Die Konkurrenz mit Staaten, in denen Betriebe zu einem Bruchteil der Lohnkosten in Deutschland produzieren könnten, bedeutet nicht, dass die Löhne hierzulande auf eben dieses Niveau herabsinken müssen. Denn entscheidend für den Erfolg von Unternehmen sind zum einen die Qualität der Produkte, zum anderen die Lohnstückkosten und damit die Produktivität der Arbeitskräfte. Von Bedeutung für die Wahl von Produktionsstandorten sind obendrein Faktoren wie die Infrastruktur, ein funktionierendes Rechtssystem, sozialer Friede und politische Stabilität sowie die Nähe zu dem Absatzmarkt. Dennoch muss sich Deutschland dem Wettbewerb mit noch größerer Anstrengung als bislang stellen. Die Informations- und Wissensgesellschaft wie auch die globale Konkurrenz verlangen flexiblere Strukturen nicht nur im Wirtschaftsverkehr, sondern vor allem auch in der Gestaltung der Arbeitsverhältnisse und im Ausbildungsbereich. Die soziale Marktwirtschaft liefert den geeigneten Ordnungsrahmen für diese Herausforderungen.