Globalisierung und Zukunftsfähigkeit
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts zeichnet sich das Weltwirtschaftssystem
durch mannigfache Entwicklungen aus, die meist unter dem Schlagwort der
Globalisierung zusammengefasst werden. Die Globalisierung an sich ist
kein neues Phänomen, beschreibt sie doch in erster Linie eine wachsende
Internationalisierung und Verflechtung der Märkte, die bereits zum Ende
des 19. Jahrhunderts beobachtet werden konnte und in den fünfziger
Jahren wieder an Schwung gewann. In den letzten zehn, fünfzehn Jahren
allerdings hat dieser Prozess eine vorher ungekannte Dynamik erfahren.
Ausschlaggebend für die sprunghafte Zunahme grenzüberschreitender
Finanztransaktionen, die wachsende Bedeutung transnationaler Konzerne
und eine nochmalige Zunahme des Außenhandels mit Gütern und
Dienstleistungen waren u.a. die rasante Entwicklung im Bereich der
Informations- und Kommunikationstechnologie sowie die weltweit zu
beobachtende zunehmende Liberalisierung und Deregulierung von
Volkswirtschaften, die sich auf diese Weise in die internationale
Arbeitsteilung integrieren konnten.
Bedenken gegenüber den
Folgen dieser Entwicklung gibt es viele, und sie erscheinen auf dem
ersten Blick auch verständlich. In einem bisher ungekannten Ausmaßsind
Kapital und auch Arbeit mobiler geworden; Wertschöpfungsketten, die
früher in einem Land angesiedelt waren, sind heute über den gesamten
Globus verteilt. In Deutschland hat die Globalisierung nicht nur ganze
Branchen wie die Textilwirtschaft oder Teile der Elektronikbranche in
den wirtschaftlichen Niedergang getrieben, sondern auch in
Erfolgssektoren wie dem Automobilbau oder der Chemieindustrie zu
Auslagerungen von Produktionsstätten ins billigere Ausland geführt.
Staaten als Investitionsstandorte sind einer verschärften
internationalen Konkurrenz ausgesetzt, wodurch die Notwendigkeit einer
umfassenden Reform des Sozialstaats in vielen Ländern dringender denn
je geworden ist.
Was bedeutet all dies für die deutsche
Volkswirtschaft, für unser Wirtschaftssystem und damit für die Soziale
Marktwirtschaft als Ordnungsmodell? Sind deutsche Unternehmen gerüstet,
es mit der neuen (und billigeren) Konkurrenz etwa aus Asien oder
Mittel- und Osteuropa aufzunehmen? Legen die hohe Arbeitslosenquote und
die wachsende Staatsverschuldung, Unternehmenskonkurse und
–abwanderungen, die Krise der sozialen Sicherungssysteme sowie das
stagnierende Wirtschaftswachstum nicht den Gedanken nahe, dass
Deutschland im Wettlauf mit anderen Nationen (zwangsläufig) ins
Hintertreffen gerät und die Soziale Marktwirtschaft ein möglicherweise
stark renovierungsbedürftiges, wenn nicht überholtes Wirtschaftskonzept
darstellt?
Der unbestreitbare Reformbedarf in vielen Bereichen
der Wirtschafts- und Sozialpolitik darf gerade nicht als Abkehr vom
System der Sozialen Marktwirtschaft missverstanden werden. Diese hat
sich in den letzten Jahrzehnten bewährt, solange sie ihren eigenen
Prinzipien gehorchte und Eigeninitiative wie auch Risikobereitschaft
des Einzelnen förderte, statt sie durch administrative Fesseln zu
blockieren und durch soziale Wohltaten zu umnebeln. Die Probleme, mit
denen unser Sozialstaat und unsere Volkswirtschaft gegenwärtig
konfrontiert werden, wurden durch die Globalisierung nicht
hervorgerufen, sondern nur sichtbarer gemacht. Falsche politische
Weichenstellungen und fehlende Anpassungsbereitschaft werden durch den
globalen Konkurrenzkampf schneller und stärker bestraft als noch vor
zwanzig Jahren. Sollen die ökonomischen Grundlagen der
sozialstaatlichen Umverteilung nicht gefährdet werden, sind
umfangreiche Korrekturen notwendig. Daher gehören verschiedene
sozialpolitische Errungenschaften, die die Kostenbelastung für die
Unternehmen in die Höhe getrieben haben, auf den Prüfstand.
Furcht
vor der Globalisierung und ihren Konsequenzen ist aber unangebracht.
Gerade das rohstoffarme Deutschland hat in der Vergangenheit von der
Internationalisierung der Wirtschaft in hohem Maße profitiert. Deutsche
Unternehmen haben sich als wettbewerbsstark erwiesen und Deutschland im
letzten Jahr erneut zum Exportweltmeister (im Warenhandel) gemacht. Die
Konkurrenz mit Staaten, in denen Betriebe zu einem Bruchteil der
Lohnkosten in Deutschland produzieren könnten, bedeutet nicht, dass die
Löhne hierzulande auf eben dieses Niveau herabsinken müssen. Denn
entscheidend für den Erfolg von Unternehmen sind zum einen die Qualität
der Produkte, zum anderen die Lohnstückkosten und damit die
Produktivität der Arbeitskräfte. Von Bedeutung für die Wahl von
Produktionsstandorten sind obendrein Faktoren wie die Infrastruktur,
ein funktionierendes Rechtssystem, sozialer Friede und politische
Stabilität sowie die Nähe zu dem Absatzmarkt. Dennoch muss sich
Deutschland dem Wettbewerb mit noch größerer Anstrengung als bislang
stellen. Die Informations- und Wissensgesellschaft wie auch die globale
Konkurrenz verlangen flexiblere Strukturen nicht nur im
Wirtschaftsverkehr, sondern vor allem auch in der Gestaltung der
Arbeitsverhältnisse und im Ausbildungsbereich. Die soziale
Marktwirtschaft liefert den geeigneten Ordnungsrahmen für diese
Herausforderungen.