Im Fokus: Ethik und Marktwirtschaft
Ökonomie und Ethik – ein Widerspruch? Der Soziologe Niklas Luhmann äußerte einmal den Verdacht, dass die Wirtschaftsethik wie auch die englische Küche zu jener Sorte von Erscheinungen gehöre, die geheim halten müssen, dass sie gar nicht existieren. Nun mag man tatsächlich darüber streiten, ob Ethik und Wirtschaft sich einander widersprechen oder ein inniges Verhältnis miteinander pflegen. Nicht strittig aber ist, dass die Wirtschaftsethik ein Zweig der Wirtschaftswissenschaften bzw. der Philosophie ist, über den gerade in jüngerer Zeit verstärkt diskutiert wird. Ethik ist die Theorie, die sich damit beschäftigt, was richtig oder falsch, legitim oder illegitim ist. Gegenstand der Wirtschaftsethik ist die Anwendung ethischer Prinzipien auf den Bereich des wirtschaftlichen Handelns.
Auch wenn sie gegenwärtig im Blickpunkt steht, ist die Wirtschaftsethik doch alles andere als ein Modethema. Sie ist im Prinzip so alt wie die Wirtschaftswissenschaften selbst. Schon bei Aristoteles bildeten Ethik, Politik und Ökonomie eine Einheit. Und Adam Smith, der Begründer der modernen Wirtschaftswissenschaften, war nicht nur Ökonom, sondern auch Moralphilosoph. Das Streben nach dem eigenen Nutzen war in seinen Augen immer durch die individuelle Moral und die staatliche Rahmenordnung begrenzt. Der gesamten „politischen Ökonomie“ der Klassiker um Adam Smith, John Stuart Mill und Thomas Robert Malthus lag die Vorstellung zugrunde, dass Wirtschaft in die normative Ordnung der Gesellschaft eingebettet sein muss.
Erst mit der Ablösung der politischen Ökonomie durch die neoklassische Wirtschaftstheorie zum Ende des 19. Jahrhunderts erfolgte der Schritt zu einer „reinen“ Ökonomik, in der moralische Gesichtspunkte bewusst ausgeklammert waren. Fragen der Menschen- und Umweltgerechtigkeit wurden in die Sphäre einer außerökonomischen Ethik verwiesen. Die so entstandene „Zwei-Welten- Konzeption“ aus wertfreier Wirtschaftstheorie und eben der außerökonomischen Ethik wird heute in Theorie und Praxis aber zunehmend als Problem erkannt. Die Suche nach ethisch verantwortbaren und ökonomisch erfolgreichen Wegen des Wirtschaftens tritt wieder stärker in den Vordergrund.
Wirtschaftsethik und Marktwirtschaft
Während sich die Unternehmensethik dabei als ein Teilaspekt der Wirschaftsethik mit den ethischen Aspekten der Unternehmensführung befasst, beschäftigt sich die allgemeine Wirtschaftsethik u. a. mit dem Zusammenhang zwischen Ethik und Wirtschaftsordnung. Eine zentrale Frage lautet in diesem Kontext, ob die Marktwirtschaft ethisches Verhalten ermöglicht bzw. fördert oder aber, ob sie moralisch indifferent ist, womöglich gar zu amoralischem Verhalten ermuntert.
Gerade Letzteres wird der marktwirtschaftlichen Ordnung häufig vorgeworfen. Denn Gier, Egoismus und Ellenbogenmentalität werden von manchen Kritikern als Charakteristika der Marktwirtschaft bezeichnet, die durch dieses Wirtschaftsmodell überhaupt erst nach oben gespült würden. Auch der Wettbewerb wird oftmals mit Argwohn betrachtet und wegen seiner vermeintlich zerstörerischen und unsolidarischen Wirkung gegeißelt.
Karl Homann
Eine andere Meinung, die u. a. von dem Wirtschaftsphilosophen Karl Homann vertreten wird, weist in die entgegengesetzte Richtung. Ihr zufolge ist die Marktwirtschaft gerade diejenige Ordnung, die über sittliche Qualität verfügt und mit den Prinzipien der abendländisch- christlichen Ethik-Tradition in voller Übereinstimmung steht. Wie gelangt Homann zu dieser Überzeugung? Warum ist die Marktwirtschaft die geeignete Ordnung, um „Freiheit als Chance zur Selbstverwirklichung aller Einzelnen“ und die „Solidarität aller Menschen“ zu verwirklichen?
Zunächst betont Homann, dass mit der modernen Gesellschaft und mit der Industrialisierung etwas grundlegend Neues entstanden sei. Die überkommene Ethik des Abendlandes, so Homann, war eine Ethik für kleine, überschaubare Gruppen, für eine Gesellschaft, in der es kein nennenswertes Wirtschaftswachstum gab und in der Gewinn- bzw. Vorteilsmaximierung daher als Raffgier gebrandmarkt wurde. Ungleiche Vermögensverhälnisse beruhten in dieser Nullsummengesellschaft in der Regel auf Ausbeutung anderer und nicht auf besserer Ressourcennutzung. Demgegenüber sei die moderne Gesellschaft mit der Marktwirtschaft eine Wachstumsgesellschaft: Durch Gewinnstreben und Kapitalbildung bei den „Reichen“ kann jetzt auch die Lage der „Armen“ verbessert werden.
Regeln sind wichtig
Ist damit schon die Voraussetzung für eine Gesellschaftsform geschaffen, die moralischen Kriterien standhält? Wie lassen sich unter den grundlegend veränderten Bedingungen der Moderne die Freiheit und die Solidarität aller Menschen tatsächlich verwirklichen? Das Grundproblem der Moral in der Marktwirtschaft und gerade im Wettbewerb zwischen Unternehmen besteht nach Homann darin, dass moralisches Verhalten Einzelner von der weniger moralischen Konkurrenz ausgebeutet werden kann, sofern es mit Kostenerhöhungen verbunden ist. Da keine Ethik vom Einzelnen verlangen kann, dass er dauerhaft und systematisch gegen seine Interessen handelt, könne es individuelle Moral nur unter zwei Bedingungen geben: Entweder wird sie durch ein entsprechendes Regelsystem vor Ausbeutung im Wettbewerb geschützt, oder das moralische Verhalten selbst bringt den Akteuren Vorteile im Wettbewerb. Moral wird also durch ein sanktionsbewehrtes System von Regeln ermöglicht, das dafür sorgt, dass derjenige Nachteile zu erwarten hat, der moralische Erwartungen anderer nicht erfüllt; positiv formuliert: dass nur derjenige selbst Vorteile erzielt, der seinen Mitmenschen etwas zu bieten hat, was diese wünschen und für das sie zu zahlen bereit sind.
Die Rahmenordnung
Im Mittelpunkt steht damit eine geeignete Rahmenordnung. Durch diese erst wird die Solidarität aller Menschen in der modernen Marktwirtschaft geleistet, nicht hingegen durch das tugendhafte Handeln der Einzelnen und ihre moralischen, solidarischen Motive. Aufgabe der Rahmenordnung ist es dabei nicht, das Eigeninteresse der Akteure zu bändigen oder gar zu eliminieren, sondern das Eigeninteresse in jene Richtung zu lenken, die auch den Mitmenschen Vorteile bringt. Denn das Eigeninteresse ist der Motor für das Wohlergehen breiter Bevölkerungskreise und hat daher mindestens als sittlich neutral zu gelten. Unsittlich ist das Vorteilsstreben nur, wenn es auf Kosten anderer geht.
Die individuelle Moral, die Tugend des Einzelnen, solle dadurch aber nicht überflüssig werden. Im Gegenteil: In einer Welt beschränkten Wissens und dynamischer Entwicklung können nicht alle Probleme durch gesetzliche Bestimmungen vorausschauend geregelt werden, sodass hier die individuelle Moral eine unverzichtbare Aufgabe zu übernehmen habe; dies schließt auch die Rolle des Chefs als „Vorbild“ für die Mitarbeiter ein. Aber die Moral der Einzelnen bedarf eben der nachhaltigen Stützung durch die Rahmenordnung, da sie sonst durch weniger moralische Konkurrenten ausgebeutet werden kann.
Und so haben denn auch moralisch empörende Zustände in der Welt ihren Grund nicht im Eigeninteresse, in der Profitgier, im Egoismus (der Unternehmen), sondern in fehlerhaften, defizitären Rahmenordnungen oder im Fehlen von Rahmenordnungen überhaupt. Korrekturen solcher unmoralischen Zustände können nicht über Appelle an die Einzelnen – und Schuldzuweisungen bei Nichtbefolgen – erfolgen, sondern nur durch eine Änderung der Rahmenordnung. Moral muss in und mit der ökonomischen Logik durchgesetzt werden und nicht etwa gegen sie.
Eine moralische Wirtschaftsordnung? Ist damit der Sachverhalt hinreichend geklärt? Läuft es darauf hinaus, dass der ethische Gehalt der Marktwirtschaft durch eine funktionierende Rahmenordnung gewährleistet ist, eine Rahmenordnung, die der wirtschaftlichen Dynamik Vorschub leistet und damit wachsenden Wohlstand ermöglicht, von
dem alle profitieren? Homann selbst sieht Markt und Wettbewerb nicht als Selbstzweck an. Genauso wie das Privateigentum und das Gewinnstreben finden sie ihre ethische Rechtfertigung allein in den wohltätigen Effekten, die von ihnen auf alle Menschen ausgehen. Auch die Ungleichheit, die im marktwirtschaftlichen System ausdrücklich vorgesehen ist, fände ihre ethische Rechtfertigung in dem Nutzen, den die Allgemeinheit aus der Ungleichheit der Menschen zieht. Ist also doch der sprichwörtliche „Wohlstand für alle“, eine Formel von Ludwig Erhard, der Gradmesser dafür, ob eine marktwirtschaftliche Ordnung als gerecht angesehen werden kann und ethischen Ansprüchen genügt?
Homann verweist auf die Bedingungen moderner anonymer Großgesellschaften mit tiefer Arbeitsteilung, langen Produktionswegen und zunehmender Mobilität der Einzelnen, die sich ohne große Kosten der Kontrolle durch ihre Umwelt entziehen können und in denen die individuelle Moral wirkungslos verpuffen kann. Um ökonomische und ethische Interessen in Einklang zu bringen, um das wirtschaftliche Streben der Einzelnen so zu kanalisieren, dass möglichst viele davon profitieren, ist eine Rahmenordnung unablässig, die nicht nur Wohlstand ermöglicht, sondern auch die individuelle Moral stützt. Die Soziale Marktwirtschaft hat Deutschland in den letzten 60 Jahren tatsächlich zu einem großen Wohlstandssprung verholfen – und sie fußt auf einem funktionierenden Rechtssystem. Haben wir eine moralische Wirtschaftsordnung? Was ist mit der Moral des Einzelnen? Die Diskussion kann beginnen.