Der Wirtschaftsstandort Deutschland im Jahre 2008 - Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage
Es gilt das gesprochene Wort!
Prof. Dr. Manfred Weber,
Geschäftsführender Vorstand des Bundesverbandes deutscher Banken,
anlässlich der Präsentation der Umfrage "Wirtschaftsstandort
Deutschland 2008", in Berlin.
Meine Damen und Herren,
seit
geraumer Zeit wird in Deutschland über die Zukunft der Sozialen
Marktwirtschaft diskutiert. Wie sehen die Deutschen diese Diskussion?
Stehen sie zu ihrer Wirtschaftsordnung, oder zweifeln sie an ihr?
Wollen sie angesichts veränderter wirtschaftlicher Rahmenbedingungen
mehr Staat oder mehr Wettbewerb? Zu diesen und anderen Fragen gibt
unsere Umfrage zum Wirtschaftsstandort Deutschland Auskunft.
Vorweg aber ein paar einordnende Worte zum wirtschaftlichen Umfeld.
I.
In
den vergangenen Jahren hat Deutschland ökonomisch einiges erreicht.
Besonders hervorzuheben sind die sage und schreibe rund 1,5 Millionen
Arbeitsplätze, die seit Anfang 2006 zusätzlich entstanden sind.
Befördert
wurde diese Entwicklung durch einen moderaten Lohnanstieg sowie den
allgemeinen Konjunkturaufschwung, aber auch durch vorausgegangene
Arbeitsmarkt- und Sozialreformen. Inzwischen jedoch sind die
Reformbemühungen der Politik weitgehend zum Erliegen gekommen - mehr
noch, einzelne Reformschritte wurden sogar zurückgedreht. Hinzu kommt,
dass dunkle Wolken am Himmel aufziehen. Deutschland steht vor einer
konjunkturellen Abkühlung, der hohe Euro-Kurs belastet tendenziell die
Exportwirtschaft, und auch die Finanzmarktturbulenzen tragen zur
Verunsicherung bei. Schließlich erleben die Bürger, dass die Preise
spürbar anziehen und die Kaufkraft sich verringert.
II.
Diese Entwicklungen bilden den Hintergrund unserer Umfrage, aus der ich fünf Aspekte besonders hervorheben möchte.
Erstens:
Die
Deutschen geben der Wirtschaft gute Noten und sehen die
Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen gestärkt. Durch den
wirtschaftlichen Aufschwung der vergangenen drei Jahre ist das
Vertrauen der Deutschen in die Stärke des Wirtschaftsstandorts
gewachsen. Die Unternehmen werden als leistungs- und wettbewerbsfähig
wahrgenommen. 70 % der Deutschen sehen sie für den internationalen
Wettbewerb gut gerüstet. Noch vor vier Jahren war nur jeder zweite
Befragte dieser Meinung (siehe demo/skopie S. 4). Und in der Tat, diese
positive Einschätzung ist durchaus berechtigt. Denn die Unternehmen
haben die zurückliegenden Jahre für Kosteneinsparungen und
Umstrukturierungen genutzt. Das war oft mit harten Maßnahmen verbunden,
nicht zuletzt der Entlassung von Arbeitskräften. Und wie immer in
Deutschland traf dies auf teilweise erhebliche gesellschaftliche
Widerstände und politischen Gegenwind. Doch ohne diese Maßnahmen sähe
es heute in Deutschland wirtschaftlich wesentlich schlechter aus.
Gleichwohl sind längst nicht alle Probleme gelöst. Das zeigt etwa ein
Blick auf das nach wie vor zu geringe Potenzialwachstum, also den
längerfristigen Wachstumstrend in Deutschland. Dass noch viel zu tun
ist, sehen die Deutschen durchaus. Die meisten sind sich der nach wie
vor drängenden Standortprobleme bewusst: Nach den Hauptgründen für
Produktionsverlagerungen deutscher Unternehmen ins Ausland gefragt,
nennen drei Viertel der Befragten die „hohen Lohnkosten“ und rund die
Hälfte die „hohen Steuern“ (S. 8).
Meine Damen und Herren,
damit zu meinem zweiten Punkt,
der
Globalisierung: Die Bevölkerung erkennt deren Vorteile, tut sich aber
immer noch schwer mit ihr. Nicht zuletzt aufgrund der Exporterfolge der
Unternehmen sehen die Bürger die weltweite Integration der Märkte etwas
positiver als in den vergangenen Jahren. Dennoch stehen sie ihr
weiterhin mit gemischten Gefühlen gegenüber. So halten sich die
Erwartungen der Deutschen hinsichtlich der Vor- und Nachteile der
Globalisierung etwa die Waage: Fast jeder zweite Deutsche (47 %)
glaubt, dass sich Vor- und Nachteile ausgleichen. Für 23 % überwiegen
eher die Nachteile, für 20 % die Vorteile (S. 6).
Dabei sehen 65
% der Befragten durchaus, dass der weltweite Wettbewerb die
Absatzchancen heimischer Produkte erhöht. 57 % sind der Ansicht, dass
er für deutsche Verbraucher - über günstige Importwaren - zu sinkenden
Preisen führt (S. 6). Die Hälfte der Befragten (52 %) befürchtet jedoch
auch den Verlust von Arbeitsplätzen (S. 7). Diese Sorge ist
psychologisch nachvollziehbar, auch wenn man aus ökonomischer Sicht
entgegenhalten muss, dass die neu entstandenen Jobs oft nicht
wahrgenommen werden. Was mir aber wirklich Sorge bereitet, ist ein
anderes Ergebnis unserer Erhebung: Auf die Frage, was zur Verbesserung
der Wettbewerbsfähigkeit getan werden kann, verweisen 79 % auf
protektionistische Maßnahmen wie Schutzzölle und Einfuhrbeschränkungen
(S. 9). Gewiss stellen die aufstrebenden Schwellenländer - allen voran
China - Deutschland vor neue Herausforderungen. Darauf mit
protektionistischen Maßnahmen zu antworten wäre aber eindeutig der
falsche Ansatz. Vor einer Abschottung des deutschen Marktes gegen
ausländische Wettbewerber und Investoren kann ich nur warnen! Das gilt
auch in Bezug auf die all zu häufig zu Unrecht verteufelten
„Staatsfonds“.
Deutschlands wirtschaftliche Zukunft hängt -
aufgrund unserer starken Exportorientierung - von weltweit offenen
Märkten ab. Die Globalisierung und der inter-nationale Wettbewerb
bieten gerade für deutsche Unternehmen und ihre Produkte weiterhin
große Chancen - man kann es gar nicht oft genug betonen.
Meine Damen und Herren,
ein
weiteres Ergebnis unserer Umfrage ist bemerkenswert, zeigt es doch eine
tiefe Verunsicherung der Deutschen. Im Gegensatz zur positiven
Beurteilung der Wirtschaft blickt die Bevölkerung
- dies ist mein dritter Punkt -
skeptisch auf die Wohlstandsentwicklung.
Paradoxerweise
sehen heute - nach einem längeren Wirtschaftsaufschwung - wesentlich
weniger Menschen das Land im Wohlstand als zuvor. Und sechs von zehn
erwarten, dass der Lebensstandard weiter sinken wird (S. 10).
Wie kann das sein?
Wenn
in einem der reichsten Länder der Erde nur noch rund die Hälfte der
Bevölkerung - nämlich 55 % - meint, in einer Wohlstandsgesellschaft zu
leben (S. 10), deutet das auf verschobene Beurteilungsmaßstäbe hin.
Dabei spielt nicht zuletzt eine Rolle, dass von Teilen der Politik seit
langem überzogene Erwartungen an den Staat genährt wurden und werden.
Zudem macht das Umfrageergebnis deutlich, dass die tatsächlich
erfolgten Einschnitte offenbar sehr viel stärker wahrgenommen werden
als die mit den Reformen erzielten positiven Wirkungen.
Die vor diesem Hintergrund wachsende Angst vor Wohlstandsverlust
das ist mein vierter Punkt -
lässt
den Ruf nach dem Staat wieder lauter werden. So ist der Anteil der
Deutschen, der mehr soziale Absicherung durch den Staat fordert, in den
letzten beiden Jahren beträchtlich gestiegen - von 43 auf 60 % (S. 11).
Die Alternative „mehr Markt und Wettbewerb“ wünscht sich hingegen
aktuell nur ein Viertel der Befragten (S. 11). Dabei ist es allein
dieser Weg - der Weg über Eigenverantwortung und marktwirtschaftliche
Reformen -, der zu nachhaltig mehr Wohlstand führt. Alles andere hieße,
den Menschen Sand in die Augen zu streuen. Aber die Präferenz der
Bürger für mehr Eigenverantwortung beginnt ebenfalls zu bröckeln: Noch
immer meinen zwar 62 % derjenigen, die Deutschland im Wohlstand sehen,
dass es in erster Linie Aufgabe des Einzelnen und nicht des Staates
sei, den Wohlstand zu sichern (S. 11). Doch ist bei dieser Frage
inzwischen eine Trendumkehr zu verzeichnen: Erstmals seit 1996 ging der
Anteil erkennbar zurück. 2006 waren es noch 70 % gewesen (S. 11).
Diese Entwicklungen zusammengenommen führen
und das ist mein fünfter Punkt -
zu einer abnehmenden Akzeptanz der Sozialen Marktwirtschaft.
Nur
noch jeder zweite Deutsche (52 %) meint heute, dass sich die Soziale
Marktwirtschaft bewährt hat. Vor vier Jahren waren das noch 56 %, vor
acht Jahren sogar 70 %. (S. 12) Die rückläufige Unterstützung für
unsere Wirtschaftsordnung muss Politik und Wirtschaft gleichermaßen
Sorge bereiten. Sicher haben auch die jüngsten Verfehlungen einzelner
Unternehmen und Manager dem Vertrauen in die Soziale Marktwirtschaft
geschadet. Sie sind aber gewiss nicht der Hauptgrund für verlorenes
Vertrauen, denn der negative Trend ist schon länger zu beobachten. Da
ist es nur ein schwacher Trost, dass die Unternehmen selbst deutlich
positiver gesehen werden. Denn 62 % haben eine gute oder sehr gute
Meinung von den Unternehmen. Gegenüber 2006 hat sich das Bild in diesem
Punkt damit sogar noch verbessert (S. 12).
III.
Meine Damen und Herren,
welche Schlüsse sind aus all dem zu ziehen? Was ist zu tun?
Die
Lösung liegt nicht in mehr sozialer Absicherung durch den Staat - ja,
nicht in noch mehr Staat generell. Dies scheitert ohnehin an der
notwendigen Finanzierung. Unsere wirtschaftlichen Probleme sind nur mit
wirksamen Reformen zu lösen. Ich möchte den Handlungsbedarf mit einigen
Beispielen verdeutlichen:
Erstes Beispiel: Statt mit
Mindestlöhnen zu experimentieren, sollte die Bundesregierung eine
grundlegende Reform des Arbeitsmarktes angehen. Die gestrige klare
Absage der Bundeskanzlerin an flächendeckende Mindestlöhne sollte jetzt
umgesetzt werden. Faule Kompromisse hat es hier in der Großen Koalition
genug gegeben.
Zweites Beispiel: Unsere
Sozialversicherungssysteme müssen endlich wetterfest gemacht werden.
Zwar gibt es erste Erfolge in der Arbeitslosenversicherung und in den
Rentenkassen. In der Kranken- und Pflegeversicherung wurde das
Finanzierungsproblem aber überhaupt noch nicht angegangen, im
Gegenteil.
Drittes Beispiel: Statt an Einzelfragen wie der
Pendlerpauschale herumzudoktern, sollte die Bundesregierung zügig eine
grundlegende Steuerreform vorbereiten. Dabei müsste auch die
finanzielle Mehrbelastung der Steuerzahler durch die „kalte
Progression“ beseitigt werden.
Darüber hinaus brauchen wir
eine Unternehmenssteuerreform, in der 60 % der Deutschen eine
Verbesserung unserer internationalen Wettbewerbsfähigkeit sehen (S. 9).
Ja, ich weiß, hier ist in der Vergangenheit schon etwas passiert. Aber
Deutschland liegt in der Belastung der Unternehmen mit Steuern und
Abgaben im internationalen Vergleich nach wie vor nur im Mittelfeld. Im
Einklang mit der immer wieder versprochenen Förderung von Wachstum und
Beschäftigung steht das nicht.
Viertes Bespiel: Eine
ehrgeizigere Haushaltskonsolidierung, die endlich auch über die
Ausgaben-seite angegangen werden muss. Bisher wurde bei der
Konsolidierung viel zu sehr auf Steuererhöhungen gesetzt. Auch hierzu
ist unsere Umfrage aufschlussreich: 48 % fordern, Mehreinnahmen des
Fiskus für Steuersenkungen zu nutzen, 40 % plädieren dafür, sie für den
Schuldenabbau zu nutzen. Lediglich 9 % wollen mehr staatliche Ausgaben
(S. 13).
Fünftes Beispiel: Ergebnis der Föderalismusreform II
darf am Ende nicht nur eine Schuldenbremse sein, wobei selbst das noch
nicht einmal gesichert scheint. Darüber hinaus brauchen die Länder mehr
Steuerautonomie. Und beim Finanzausgleich unter den Ländern müssen
wachstumshemmende Fehlsteuerungen beseitigt werden.
Das
Allerwichtigste aber ist ein schlüssiges Gesamtkonzept für eine
konsequente Reformpolitik. Das aber ist derzeit weit und breit nicht zu
erkennen. Und genau das ist nach meiner Überzeugung der Hauptgrund
dafür, dass mehr und mehr Bürger das Vertrauen in die Soziale
Marktwirtschaft verlieren. Dabei ist doch klar: Wenn die Menschen eine
klare Zukunftsperspektive erkennen, sind sie auch bereit, sich dafür
etwas abverlangen zu lassen.
IV.
Angesichts einer
solchen Agenda für die Politik wäre eine weitere Abkehr vom Reformkurs
völlig falsch. Dabei ist es keinesfalls so, dass die Deutschen eine
Reformaversion hätten und sich sinnvollen Veränderungen verschließen
würden.
Sie sind nicht grundsätzlich reformmüde. Das ist ein
gern und oft bemühtes Vorurteil. Nur ein Drittel der Befragten gibt an,
dass die in den letzten Jahren erfolgten Reformen in den Bereichen
Gesundheit, Rente, Arbeitsmarkt und Steuern zu weit gegangen seien. Für
die klare Mehrheit, alles in allem 58 %, waren diese Reformen aber
entweder gerade richtig - so sagen es 22 % -, oder sie gingen sogar
nicht weit genug, das meinen 36 % (S. 13).
Die Menschen sind also durchaus bereit für Reformen, die Politik sollte es auch sein.